Beide schalteten ihre Taschenlampen aus. Die Dunkelheit kam sofort, dicht und vollständig. Tia konnte ihre eigene Hand nicht sehen. Dann bemerkte sie es. Hinter der Kurve lag ein schwaches rotes Leuchten. Nicht hell genug, um den Gang zu beleuchten. Eher ein matter Schimmer, der sich an einer feuchten Wand spiegelte. Mila atmete leise ein. „Das war vorher nicht da.“
„Doch. Wir haben es nur wegen der Taschenlampen nicht gesehen.“
Sie schalteten das Licht wieder ein. Tia spürte, dass ihr Herz schneller schlug. Sie wollte weitergehen und gleichzeitig stehen bleiben. Beides fühlte sich vernünftig an.
„Wir schauen nur bis zur Kurve“, sagte sie.
Mila nickte. Sie gingen langsam weiter. Mit jedem Schritt wurde der rötliche Schimmer deutlicher. Er kam nicht von einer einzelnen Lampe. Er wirkte, als läge hinter der Biegung ein größerer Raum oder ein weiterer Gang, in dem rotes Licht von den Wänden zurückgeworfen wurde. Dann hörten sie das Klacken wieder. Diesmal direkt vor ihnen.
Klack. Tia blieb stehen.
Klack.
Regelmäßig. Schwer. Hart auf Stein. Mila legte Tia eine Hand auf den Arm. Um die nächste Biegung glitt ein Schatten über die Wand. Er war hoch. Viel höher als ein Mensch. Oben bewegte sich etwas wie ein Kopf. Darunter zeichneten sich lange, schmale Formen ab, die im Takt des Geräusches vor- und zurückschwangen.
Klack.
Tia wich einen halben Schritt zurück. Der Schatten verschwand. Dann erschien er wieder, größer als zuvor. Etwas kam auf die Biegung zu. Tia dachte an den Satz in der Chronik, den sie inzwischen auswendig kannte. Ihre Pferde waren tot und gingen dennoch auf eigenen Beinen.
Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Suche musste sie nicht mehr überlegen, ob die Legende vielleicht etwas Wahres enthielt.
Etwas aus ihr war nur noch wenige Schritte entfernt.
KAPITEL 9
Die Knochenpferde
Der Schatten an der Wand wurde größer. Tia stand reglos neben Mila, nur wenige Schritte vor der Biegung. Sie hatte die Taschenlampe ausgeschaltet, und das schwache rote Licht aus dem Gang reichte gerade aus, um die Umrisse der Felsen zu erkennen. Das Klacken kam näher.
Klack. Eine Pause.
Klack.
Tia hatte das Geräusch inzwischen oft genug gehört, um zu wissen, dass es kein Zufall war. Etwas setzte einen Fuß – oder einen Huf – vor den anderen. Langsam und gleichmäßig. Mila griff nach Tias Ärmel. Tia nickte, obwohl sie nicht wusste, ob Mila es im Halbdunkel sehen konnte. Rechts von ihnen lag eine flache Nische in der Tunnelwand. Sie war nicht tief, aber groß genug, dass beide hineinpassen konnten. Tia deutete darauf. Sie bewegten sich rückwärts, so leise sie konnten. Mila zuerst, dann Tia. Der Fels war kalt an Tias Rücken. Sie zog den Rucksack vor den Körper und achtete darauf, dass keine Schnalle gegen die Wand schlug. Das Klacken verstummte. Tia hielt den Atem an.
Für einige Sekunden war nur das leise Rauschen der Luft zu hören. Dann erschien etwas an der Biegung. Zuerst ein weißer Knochen. Lang und schmal. Er bewegte sich vorwärts, senkte sich und berührte den Boden.
Klack.
Tia spürte, wie Milas Finger sich fester um ihren Ärmel schlossen. Ein zweiter Knochen kam ins Licht. Dann ein Brustkorb. Rippen. Schulterblätter. Ein Hals, der nur aus Wirbeln bestand. Schließlich trat das ganze Tier um die Kurve.
Tia lebte mit Pferden. Sie kannte das warme Schnauben am Morgen, das Zittern einer Hautstelle unter einer Fliege, den Geruch von Fell und Heu und die Art, wie sich Muskeln unter einer Schulter bewegten, bevor ein Huf den Boden berührte. Ihr Vater hatte ihr beigebracht, ein Pferd nicht überraschend von hinten anzufassen und auf Ohren, Gewicht und Atem zu achten. Genau dieses vertraute Wissen machte das Wesen vor ihr so falsch: Es besaß die Form und die Bewegung eines Pferdes, aber keinen Atem, keine Wärme und kein Fell, das über arbeitenden Muskeln lag. Dieses Tier hatte dieselbe Form.
Und trotzdem fehlte fast alles, was ein Pferd zu einem lebenden Tier machte. Es hatte kein Fell. Keine Muskeln und keine Haut. Sein Körper bestand aus sauberen, hellen Knochen, die sich bewegten, als wären unsichtbare Sehnen zwischen ihnen gespannt. Die Gelenke glitten ruhig ineinander. Der Brustkorb hob und senkte sich nicht, denn es gab keine Lunge, die Luft brauchte. Der Schädel drehte sich langsam. In den Augenhöhlen glomm rotes Licht. Nicht wie Feuer. Eher wie zwei kleine, dunkle Lampen hinter dem Knochen. Tia wusste, dass sie Angst haben sollte. Sie hatte auch Angst. Aber darunter lag etwas anderes. Staunen. Es war unmöglich. Und trotzdem stand es vor ihr. Das Knochenpferd setzte den nächsten Huf auf den Felsboden.
Klack.
Als es den Huf wieder hob, blieb darunter ein dunkelroter Abdruck zurück. Die Flüssigkeit breitete sich an den Rändern aus. Tia dachte an die Weide. An den tiefen Abdruck am Bach. An die rote Spur, die in den Wald geführt hatte. Mila beugte sich kaum merklich zu ihr.
„Dasselbe“, hauchte sie.
Tia nickte. Zum ersten Mal hatten sie nicht nur eine Ähnlichkeit zwischen einer alten Geschichte und einer Spur. Vor ihnen lief die Ursache dieser Spur. Das Pferd blieb stehen. Sein Schädel drehte sich in Richtung ihrer Nische. Tia bewegte keinen Muskel. Sie wusste nicht, ob das Tier sehen konnte. Die roten Lichter in seinen Augenhöhlen sagten ihr nichts darüber, wie es seine Umgebung wahrnahm. Vielleicht hörte es. Vielleicht roch es. Vielleicht funktionierte bei einem Pferd aus Knochen überhaupt nichts so, wie es sollte. Das Tier hob den Kopf. Dann bewegte sich hinter ihm jemand.
Tia hatte die Gestalt zunächst übersehen, weil sie fast vollständig im Schatten geblieben war. Ein langer dunkler Mantel reichte bis knapp über den Boden. Eine Hand – oder Pfote, Tia konnte es nicht erkennen – hielt einen Lederriemen, der am Geschirr des Knochenpferdes befestigt war. Die Gestalt gab einen kurzen Zug. Das Pferd wandte den Kopf ab. Tia spürte, wie sie langsam wieder Luft holte. Es wurde geführt. Das war wichtig. Die Knochenpferde waren also nicht einfach Wesen, die ziellos durch die Tunnel liefen. Jemand konnte sie lenken. Jemand besaß Geschirr für sie. Jemand brachte sie von einem Ort zum anderen.
Der Gedanke machte die Tiere auf eine merkwürdige Art weniger unheimlich und gleichzeitig viel bedeutsamer. Wenn ein Knochenpferd auf der Weide gewesen war, musste es vielleicht nicht von selbst dorthin gelangt sein. Jemand konnte es hingeführt haben. Die Gestalt ging weiter. Das Pferd folgte. Als es an der Nische vorbeikam, sah Tia das Geschirr zum ersten Mal deutlich. Dunkles Leder oder etwas, das wie Leder aussah, verlief um den Schädel und über den Brustkorb. Kleine Metallplatten waren daran befestigt. Einige trugen Zeichen, die Tia im schwachen Licht nicht erkennen konnte. Auf dem Riemen über der Schulter glitzerte etwas.
Gold.
Tia blinzelte. Mehrere winzige Körner lagen in einer Falte des Geschirrs. Als das rote Licht darüberstrich, funkelten sie genauso wie die Partikel, die Mila im feuchten Hufabdruck an der Oberfläche fotografiert hatte. Tia spürte Milas Hand an ihrem Arm. Mila hatte es ebenfalls gesehen. Das Pferd lief weiter.
Klack. Ein roter Abdruck.
Klack.
Noch einer. Die Gestalt und das Tier verschwanden hinter einer weiteren Biegung. Tia wartete. Zehn Sekunden. Zwanzig. Dann flüsterte Mila: „Goldener Staub.“
„Ja.“
„Am Geschirr.“
„Ich hab's gesehen.“
„Das war derselbe.“
Tia sah in die Richtung, in der das Pferd verschwunden war. „Er sah gleich aus.“
Mila atmete leise aus. „Du wirst wirklich unerträglich genau.“
„Ich verbringe zu viel Zeit mit dir.“
Mila lächelte kurz. Tia wurde wieder ernst.
„Wenn es derselbe Stoff ist, verbindet er die Spur auf der Weide direkt mit diesem Pferd.“
„Und dieses Pferd mit hier unten.“
„Ja.“ Mila zog ihr Handy heraus.
„Kein Foto“, flüsterte Tia sofort.
„Ich weiß.“
Der helle Bildschirm hätte die Nische verraten. Mila öffnete nur ihre Notizen und tippte mit minimaler Helligkeit: Knochenpferd. Rote Hufe. Geführt. Goldstaub am Geschirr. Tia blickte zurück in den Gang.
„Wir warten noch.“
„Wie lange?“
„Bis wir sicher sind, dass es weg ist.“
Sie hörten nichts. Der Tunnel vor ihnen blieb still. Dann kam aus der anderen Richtung ein Klacken. Tia drehte den Kopf. Nicht vor ihnen. Hinter ihnen.
Klack. Mila sah sie an.
„Das ist ein zweites.“
Das Geräusch kam aus dem Gang, durch den sie selbst gekommen waren. Tia spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Die Nische war auf einer Seite offen. Das erste Pferd war an ihnen vorbeigegangen, weil es aus der Richtung des roten Lichts gekommen war. Wenn nun ein zweites von hinten kam, würde es direkt an derselben Stelle vorbeilaufen.
„Wir bleiben hier“, flüsterte Mila.
Tia nickte. Weglaufen hätte nur Lärm gemacht. Das zweite Pferd kam schneller. Klack. Klack. Die Abstände zwischen den Schritten waren kürzer. Tia hörte außerdem ein leises metallisches Klirren. Die ersten roten Hufabdrücke erschienen im dunklen Gang, bevor sie das Tier selbst sah. Dann trat es ins Licht. Es war größer als das erste. Der Schädel hing höher, und um den Hals lag ein breiteres Geschirr mit mehreren Metallringen. Auch in seinen Augenhöhlen leuchtete es rot. Diesmal war niemand davor. Eine Gestalt ging hinter dem Tier. Das Pferd kam direkt auf die Nische zu. Tia drückte sich tiefer an die Wand. Mila tat dasselbe. Der Platz reichte. Fast.
Als das Pferd nur noch wenige Meter entfernt war, trat Mila mit dem rechten Fuß einen halben Schritt zurück. Ihr Schuh fand keinen Boden. Tia hörte nur ein leises Schaben. Mila kippte seitlich weg. Tia griff sofort nach ihrem Unterarm. Erst jetzt sah sie, dass die Nische an ihrem hinteren Rand in einen schmalen Versorgungsschacht oder eine Vertiefung überging. Kein tiefer Abgrund, aber weit genug nach unten, dass Mila gestürzt wäre und dabei mit Sicherheit Lärm gemacht hätte. Tia zog nicht hektisch. Sie ging selbst in die Knie, stemmte einen Fuß gegen den festen Fels und verlagerte ihr Gewicht nach hinten. Mit der anderen Hand griff sie Milas Jacke oberhalb des Ellbogens. Mila fing sich an der Wand ab.
Ein kleiner Stein löste sich unter ihrem Schuh. Er fiel. Tia hörte ihn aufschlagen. Tok. Das Knochenpferd blieb stehen. Tia und Mila erstarrten. Der rote Blick des Pferdes richtete sich auf die Nische. Tia hielt Mila noch immer fest. Sie spürte, wie Milas Arm zitterte. Nicht loslassen, dachte sie und nicht bewegen. Das Pferd hob einen Vorderhuf.
Klack.
Es machte einen Schritt auf die Nische zu. Die roten Lichter in seinem Schädel wurden heller. Tia konnte jetzt feine Risse im Knochen über seiner Nase erkennen. Noch ein Schritt. Dann ertönte hinter dem Tier ein leises Pfeifen. Das Pferd hielt inne. Die Gestalt hinter ihm zog an einem langen Riemen. Das Knochenpferd drehte den Schädel. Das Pfeifen kam noch einmal, diesmal kürzer. Das Tier wandte sich ab. Tia hätte vor Erleichterung beinahe laut ausgeatmet. Das Pferd setzte seinen Weg fort.
Klack.
Der Huf traf nur einen Meter vor der Nische auf. Als er sich wieder hob, blieb ein frischer roter Abdruck zurück. Tia sah die Flüssigkeit langsam über den Stein laufen. Dann zog das Pferd vorbei. Die Gestalt folgte. Unter der Kapuze konnte Tia kein Gesicht erkennen. Nur für einen Moment sah sie eine dunkle Schnauze oder vielleicht nur einen Schatten. Dann waren beide vorbei. Tia wartete, bis das Klacken deutlich leiser geworden war. Erst dann half sie Mila vollständig zurück auf den festen Boden.
„Alles okay?“
Mila nickte zu schnell. Tia sah sie an. „Wirklich?“
Mila atmete ein und wieder aus. „Ja. Nur erschrocken.“
„Fuß?“
Mila bewegte ihn vorsichtig. „Gut.“ Tia ließ ihren Arm los.
„Danke.“
„Gern.“
Mila blickte in die schmale Vertiefung hinter ihnen. „Das war knapp.“
„Deshalb bleiben wir ab jetzt von dunklen Löchern weg.“
„Ein hervorragender Plan.“
Sie warteten noch eine Weile. Dann verließen sie die Nische. Tia kniete neben dem frischen Hufabdruck. Sie berührte ihn nicht. Im roten Licht sah die Flüssigkeit fast schwarz aus.
„Jetzt wissen wir wenigstens sicher, woher die Abdrücke kommen“, sagte Mila.
„Von den Knochenpferden.“
Es war das erste Mal, dass Tia den Namen laut sagte, ohne dass er sich wie ein Wort aus einer Geschichte anfühlte. Knochenpferd. Es existierte.
„Und sie können geführt werden“, sagte Tia. „Das verändert die Sache.“
„Weil jemand eines zur Weide gebracht haben könnte.“
„Ja.“
Mila blickte in die Richtung, in der das zweite Tier verschwunden war. „Dann haben wir nicht nur die Frage, was die Schafe geholt hat.“ Tia verstand.
„Sondern wer.“
Sie gingen weiter. Nicht direkt hinter den Pferden. Sie ließen genügend Abstand und folgten nur dem Geräusch. Der Gang wurde breiter und begann leicht abzufallen. An den Wänden tauchten nun häufiger die kleinen Nischen auf. Einige enthielten dunkle, glatte Steine, die ein schwaches rotes Licht ausstrahlten. Tia wusste nicht, ob es Lampen waren oder etwas Natürliches. Sie blieb nicht stehen, um es herauszufinden. Vor ihnen klangen die Hufe inzwischen anders. Nicht mehr hart und nah. Das Klacken bekam ein Echo. Der Gang musste sich öffnen.
Tia bemerkte es zuerst an der Luft. Der kühle Zug wurde breiter, weniger gerichtet. Dann hörte sie Geräusche, die sie hier unten nicht erwartet hatte. Ein fernes Rufen. Metallisches Schlagen. Etwas, das wie das Rollen von Rädern klang. Mila blieb stehen. „Hörst du das?“ Tia nickte.
„Da sind Leute.“
Sie löschten die Taschenlampen vollständig. Das rote Licht reichte inzwischen aus, um den Boden zu erkennen. Der Tunnel machte noch eine letzte Biegung. Dahinter standen die beiden Knochenpferde. Tia und Mila blieben im Schatten. Die Tiere wurden über eine breite steinerne Rampe nach unten geführt. Ihre Hufe hinterließen rote Spuren, die auf dem dunklen Stein langsam verliefen. Die Rampe endete an einer gewaltigen Öffnung. Tia konnte dahinter zunächst nur Licht erkennen.
Rot.
Gold.
Hunderte kleine Punkte. Dann machte sie noch einen vorsichtigen Schritt. Der Fels endete. Vor ihr öffnete sich eine Höhle, so groß, dass Tia für einen Moment vergaß zu atmen. Weit unter ihnen lagen Dächer. Türme. Brücken. Lichter. Die Knochenpferde gingen den Weg hinab, klein vor etwas, das viel größer war als alles, was Tia sich vorgestellt hatte. Mila trat lautlos neben sie. Keines der Mädchen sagte etwas. Das mussten sie auch nicht.
Hinter den Knochenpferden lag keine Höhle.
Dort lag eine ganze Stadt.